Londoner Hochhausbrand: Wärmedämmung unschuldig!


Eine Kommission zur Aufklärung des Brandes des Grenfell Tower in London hat nun erste Ergebnisse veröffentlicht: Die Wärmedämmung trägt weniger Schuld als gedacht.

Nach dem verheerenden Hochhausbrand des Londoner Grenfell Tower am 14. Juni 2017, bei dem 79 Menschen starben, kam zwangsläufig die Frage auf, wie es überhaupt zu der Katastrophe kommen konnte. Die eigentliche Brandursache – ein defekter Kühlschrank – war zwar relativ schnell identifiziert, allerdings stellten sich viele Beobachter die Frage, wie sich das Feuer so schnell und unkontrolliert ausbreiten konnte. Der vermeintliche Übeltäter war auch hier relativ schnell gefunden: Polystyrol.

Dass das häufig verwendete Wärmedämmverbundsystem (WDVS) mit Polystyrol-Dämmstoffplatten bei dem Brand als Brandbeschleuniger diente, wie es für viele Medien relativ schnell feststand, wurde von vielen Wissenschaftlern bereits kurz nach der Katastrophe angezweifelt. 

Eine Kommission, die zur Aufklärung des Brandes gebildet wurde und rund 400.000 Dokumente auswertete, Fotos und Videos sichtete sowie Experten und Feuerwehrleute befragte, kommt nun zu einem ähnlichen Ergebnis. Die vorläufigen Ergebnisse der noch laufenden ersten Untersuchungsphase hat Prof. Dr.-Ing. Michael Reick für die Oktober-Ausgabe der Deutschen Feuerwehrzeitung zusammengefasst.

Wetterschutzverkleidung ausschlaggebendes Element

Demnach sei an der Fassade des Grenfell Towers gar kein Polystyrol, sondern Polyisocyanurat (PIR) als Dämmstoff in Dicken zwischen 10 und 16 cm verbaut gewesen. Die Brandweiterleitung an der Fassade sei daher vor allem durch die ACP-Wet­ter­schutz­verkleidung aus Aluminium mit aussteifendem Polyethylenkern verursacht worden: „Es muss daher an dieser Stelle betont werden, dass die Wärmedämmung aus Polyisocyanurat gar nicht das ausschlaggebende Element war, sondern vielmehr die ACP-Paneele“, berichtet das Online-Fachmagazin Baulinks mit Berufung auf die Deutsche Feuerwehrzeitung.

Zu dieser ACP-Wetterschutzverkleidung heißt es weiter: „Die Masse der Verkleidung war aufgrund der geringen Stärke der PE-Platten zwar gering und die Wärmefreisetzung ging größtenteils in die äußere Umgebung, aufgrund der hohen Abbrandgeschwindigkeit und der damit verbundenen hohen Wärmefreisetzung hat dies jedoch offensichtlich ausgereicht, dass bereits nach kurzer Zeit weitere Entstehungsbrände in den über der Brandwohnung gelegenen Wohnungen auftraten.“

Dass sich das Feuer mit dieser enormen Geschwindigkeit ausbreiten konnte, lässt sich daher mit dem Zustrom von Verbrennungsluft über die Hinterlüftung der Wetterschutzverkleidung erklären. Dabei brannte nicht nur das Polyethylen, sondern auch das Aluminium der Wetterschutzplatten, vergleichbar mit einem „Magnesiumbrand“. Zur Brandgeschwindigkeit heißt es: „Der Brand hatte sich daher innerhalb von nur 36 Minuten von einem Entstehungsbrand in der Küche zu einem Brand entwickelt, der über die Fassade alle 19 darüber liegenden Wohnungen unmittelbar bedrohte.“ Für die letzten 10 Stockwerke nach oben bis zum 22. Stock brauchten die Flammen nur sieben Minuten. Anschließend geschah die Brandweiterleitung zwischen 1:12 bis 4:03 Uhr über die Wetterschutzplatten um das Gebäude herum.

Anti-Polystyrol-Kampagnen nicht mit Grenfell Tower begründbar

Während die Wetterschutzverkleidung laut Bericht vollständig abbrannte, blieb die Wanddämmung in großen Teilen erhalten – sogar die gelbe Farbe des verbauten Polyurethans war teilweise noch erkennbar. Dennoch entstand bereits kurze Zeit nach dem Brand das Gerücht, dass vor allem der Dämmstoff Polystyrol gebrannt habe. Die ebenfalls daraus entstandenen Kampagnen gegen deutsche Gebäudefassaden, wurden von Wissenschaftler bereits damals als unsachlich und falsch kritisiert. Die aktuellen Untersuchungen bestätigen dies nun.

Ein unglückliches Zusammenspiel innerer und äußerer Faktoren sowie zahlreiche Brandschutzmängel seien letztendlich für den dramatischen Brandverlauf am Grenfell Tower verantwortlich. „Gegenüber diesem Brandinferno brennt Polystyrol nur in der Breitenausdehnung des Primärbrandes stringent nach oben und nicht um das Gebäude herum“, berichtet Baulinks. Zudem sind Fassadenbrände mit Polystyrol mit 0,02 Promille aller jährlichen Brände auch statistisch gesehen sehr selten, zumal es an deutschen Hochhäusern ohnehin nicht verbaut wird.

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AUTOR
Jan Hell
VERÖFFENTLICHT AM
06.11.2018
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