Die Sand-Mafia – Das schmutzige Geschäft mit den Stränden


In vielen Regionen der Welt wird langsam der Sand knapp! Sogar Strände müssen inzwischen künstlich aufgeschüttet werden. Schuld daran ist vor allem die Bauwirtschaft.

Wenn Hajo Tauber abends vor seinem Wohnwagen sitzt und mit Blick auf den Strand die letzten Sonnenstrahlen genießt, kommt der ehemalige Bauunternehmer aus Meppen oft ins Grübeln. Seit über 30 Jahren kommt Tauber im Sommer auf den Campingplatz an der Costa Brava. Früher war vielleicht nicht alles besser, aber zumindest sein Strand war üppiger. Wo sich vor 35 Jahren ein breiter Sandstrand die Küste entlang schlängelte, ist heute nur noch ein Reststreifen Sand von wenigen Metern Breite übrig geblieben. „Damals konnte man sich unten am Strand noch ohne Bedenken einen Platz aussuchen, heute haben wir manchmal schon Angst, dass das Wasser bis zum Campingplatz kommt“, erzählt der rüstige Rentner.

So wie Hajo Tauber geht es vielen: Über 3.000 Strände gibt es in Spanien – unbeschädigt ist kaum einer. „In Cabrera de Mar, auf dem Weg von Blanes nach Barcelona, war der Sandstreifen früher 2,9 Kilometer lang, jetzt misst er noch 500 Meter“, meldete die Zeit bereits im August 2014. In Marbella wurden sogar schon Palmen und Duschanlagen vom Strand entfernt – weil er nicht mehr da ist.

Das „Strandsterben“ ist dabei nicht nur in Spanien zu beobachten, auch in Florida, an der Goldküste von Australien und in der Türkei schwindet der Sand. Überall auf der Welt magern die Strände zunehmend ab. „Bald wird es den sprichwörtlichen Sand am Meer nicht mehr geben“, witzelt Hajo Tauber zynisch. Doch woher kommt das?

Fehlender Nachschub

Nach Schätzungen von Geologen entstehen auf der Erde jede Sekunde etwa eine Milliarde neue Sandkörner: Fels, Gestein und ganze Gebirgsmassive zerbröseln unter dem Einfluss von Wind, Regen, Hitze und Kälte in einem jahrtausendelang anhaltenden Prozess und finden über Flüsse ihren Weg ins Meer und damit an den Strand. Schon immer spülte das Meer die Sandkörner von den Stränden fort, Bäche und Flüsse sorgten aber stets für Nachschub. Wie ist es also möglich, dass plötzlich der Sand knapp wird?

 

Die negative Seite des Baubooms

Nicht weit entfernt von Hajo Taubers Campingplatz mündet ebenfalls ein kleiner Fluss ins Meer. Früher versorgte er den Strand problemlos mit neuem Sand, heute kommt er nicht mehr hinterher. „Da sind wir wohl selbst dran schuld“, sinniert Tauber. „Mit den Touristen kamen auch die Hotelanlagen und Ferienwohnungen. Um gefahrlos bauen zu können wurde der Fluss einfach in Mauern gezwängt – jetzt hat der Sand keinen Halt mehr.“

Im Zuge des Baubooms wurden auf diese Weise viele Flüsse verlegt oder eingemauert. Auch die Strömung änderte sich dadurch. An vielen Stellen wurden zudem Wehre und Staudämme angelegt. Die halten zwar das Wasser auf, leider aber auch den Sand. Rund ein Drittel des gesamten Materials, so schreibt die Zeit, bleibe auf diese Weise auf dem Weg zum Strand einfach irgendwo liegen. Die Rhone in Frankreich und der Ebro in Spanien transportierten heute 20-mal weniger Sedimente ans Meer als noch im Jahr 1950. Am Delta des Nils in Ägypten kommt inzwischen gar nichts mehr an.

Doch was wäre ein echtes Urlaubsparadies ohne Strand? Viele auf Tourismus spezialisierte Gebiete sind auf ihre langen Sandstrände angewiesen. Zudem dienen die Sandstreifen als eine Art Pufferzone gegen die Flut. Hurrikans und Sturmfluten werden abgeschwächt. Aus diesem Grund greifen viele Regionen inzwischen zu drastischen Maßnahmen und schütten ihre Strände künstlich wieder auf. So sind allein in Florida von den 800 Meilen Strand bereits 350 künstlich!

Der hierfür benötigte Sand wird dabei nicht extra angeliefert, sondern direkt aus dem Meer gezogen. Riesige „Unterwasser-Sandsauger“ tasten hierzu den Meeresboden ab und holen die Körner aus der Tiefe. Die Kosten hierfür sind dementsprechend gigantisch. Zudem haben die künstlich aufgeschütteten Strände einen großen Nachteil: Sie erodieren bis zu zehnmal schneller als natürliche. Noch viel dramatischer ist die Tatsache, dass die Sandkörner vom Meeresboden sehr leicht sind. Werden sie zurück ins Wasser geschwemmt sinken sie nicht sofort auf den Meeresgrund zurück, sondern verfangen sich in den Korallen, die daran verenden.

 

Steigende Meeresspiegel werden zum Verhängnis

Dass der Meeresspiegel ansteigt, ist nichts Neues. Bislang wussten sich die Strände allerdings zu helfen und wichen einfach zurück. Aufgrund der starken Bebauung ist dies jedoch heutzutage nicht überall mehr möglich. Die Küsten sind eingeklemmt und nicht mehr verrückbar. Sollten die Meere noch weiter anschwellen, wären in naher Zukunft auch die Küstenstädte bedroht. Am Miami Beach im US-Bundesstaat Florida investiert die Regierung beispielsweise Millionenbeträge in Drainagepumpen und Abwasserrohre, um ein vollständig auf Sand gebautes Stadtviertel vor den Angriffen des Wassers zu schützen.

Auch Deutschland bleibt nicht vom anhaltenden Sandschwund verschont: Jedes Jahr verliert Sylt in den Winterstürmen rund eine Million Kubikmeter Sand an die Nordsee. Die gleiche Menge wird dann im Sommer von der vorgelagerten Sandbank wieder auf den Strand zurück gepumpt. Rund sechs Millionen Euro kostet dieses Vorgehen jedes Jahr. Auch große Teile von Wangerooge und Kühlungsborn werden bereits künstlich am Leben gehalten.

Gefragter Rohstoff

Der Bauboom macht es den Stränden noch zusätzlich schwer, denn von keinem Rohstoff verbrauchen wir so viel, wie von Sand und Kies. So brauchen wir für unsere Häuser und Straßen vor allem Beton, der zu etwa 40 Prozent aus Sand besteht. Auch in Glas, Asphalt, Plastik, Mikroprozessoren, Shampoo und anderen Alltagsgegenständen steckt überall Sand drin.

Trotz brummender Bauwirtschaft, verglichen mit dem Bauboom in Asien passiert hierzulande eher wenig. Bereits heute liegen 7 der 10 größten Metropolregionen in Asien. „Jeder zweite Großstädter auf der Welt lebt in Shanghai, Taipeh und Co. Bis 2050 werden voraussichtlich zwei Drittel der dann fünf Milliarden Asiaten in Städten wohnen, also rund 3,3 Milliarden Menschen“, schreibt Perspective Daily. Das entspräche mehr als doppelt so viele Menschen, wie heute in Europa und Nordamerika insgesamt leben.

 

Der Sand wird knapp

Es zeigt sich also, dass es beim Sand schon jetzt ein doppeltes Problem gibt. Zum einen wird der Nachschub immer knapper, da einst reichhaltige Vorkommen ausgebeutet sind und die natürliche Sandproduktion durch verbaute Flüsse immer schwieriger wird. Gleichzeitig führen die immer dichtere Besiedlung der Küstenregionen sowie der steigende Meeresspiegel dazu, dass viele Sandvorkommen verschwinden, zugebaut werden oder nicht mehr zugänglich sind.

Zum anderen steigt die globale Nachfrage nach Sand stetig. Da es aber keine verlässlichen Zahlen zum weltweit nutzbaren Sand gibt, fehlen internationale Abkommen oder Kontrollen, die die Nachfrage steuern könnten.

Übrigens: Wüstensand, von dem es noch mehr als genug gibt, ist für die Betonherstellung und damit für die Bauwirtschaft ungeeignet – er haftet zu schlecht.

 

Sandklau und mafiöse Strukturen

Um dem anhaltenden Beton-Hunger der wachsenden Städte an den Küsten stillen zu können, bedienen sich immer mehr Arbeiter von Stränden und Flussufern. Neben den ökologischen Folgen führen Knappheit und hohe Profite immer häufiger zu politischen Konflikten, Kriminalität und Gewalt. „In Indien gilt die Sand-Mafia schon jetzt als eine der mächtigsten und gewalttätigsten Gruppen des organisierten Verbrechens – hunderte von Menschen sind bereits in 'Sandkriegen getötet worden“, wird Aurora Torres vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Halle im Wissensmagazin scinexx zitiert.

Die Behörden sind hierbei oft machtlos. Verbote umgehen die Rohstoff-Händler in mafiöser Manier; Journalisten und Aktivisten, die sich gegen die Umweltverbrechen einsetzen, werden bedroht oder ermordet, berichtet Perspective Daily.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass inzwischen etwa doppelt so viel Sand abgebaut wird, wie die Natur nachliefern kann. Aus diesem Grund weichen die Sandhändler auch hier auf den Meeresboden aus. Neben den großen Schiffen, die vor den Küsten den Sand vom Grund des Meeres saugen, sind es vor allem die Sandtaucher, die unter widrigsten Bedingungen für Nachschub sorgen. „200 Tauchgänge pro Schicht, Lohn um die 15 Euro, viele Todesfälle, einige davon Kinder. Und viele geplatzte Trommelfelle“, fasst die Zeit die Situation zusammen.

Aufgrund des hohen Gewichts und den enormen Transportkosten ist der Sandabbau traditionell ein lokales Geschäft. So wird der Baustoff möglichst dort aus der Erde geholt, wo er auch gebraucht wird. Auf den ersten Blick scheint es ja auch Unmengen davon auf öffentlichen Grund, in Flüssen und am Meer, zu geben. Doch es ist paradox: „Gerade weil Sand überall herumliegt, ist der Markt in einem korrupten Staat wie Indien nicht frei. Gerade weil es um einen Allerweltsstoff geht, haben sich Strukturen gebildet, die denen des Drogenhandels ähneln“, berichtet die Zeit.

Immer häufiger konfiszieren die Behörden mehrere LKW-Ladungen voller Sand und präsentieren sie wie einen Kokainfund. Und der Preis steigt: Die Bauherren von Mumbai müssen inzwischen über 30 Prozent mehr bezahlen als noch in den Jahren zuvor.

Der Kampf um den Sand hat inzwischen auch politische Konsequenzen. So bedienen sich beispielsweise Sandräuber aus Singapur seit Jahren am Meeresgrund vor indonesischen Inseln, die dadurch immer stärker schrumpfen und zum Teil ganz zu versinken drohen, schreibt Perspective Daily. Die Beziehungen zwischen den Ländern seien angespannt.

 

Alternativen finden

In Deutschland gibt es diese Art des Sandraubs glücklicherweise noch nicht, allerdings wird auch hier der Bedarf an Sand und Beton immer größer. Auch hierzulande müssen wir uns daher die Frage stellen, ob eine alternative Rohstoffgewinnung möglich ist. Eine Lösung könnte es daher sein, kaputte Straßen und marode Häuser einfach zu recyceln.

Die Kreislaufwirtschaft Bau, ein Verbund der Bauwirtschaft, gibt an, bereits heute über 90 Prozent der anfallenden Bauabfälle zu recyceln. Diese werden aber hauptsächlich als Füllmaterial im Tiefbau genutzt. Genau genommen handelt es sich daher eher um ein Downcycling, bei dem das Gestein von Anwendung zu Anwendung an Qualität verliert.

Immerhin ist das besser als nichts. Bislang ist es nämlich nicht möglich, Beton zu wirtschaftlichen Bedingungen in seine Bestandteile zu zerlegen. Damit dies aber in Zukunft gelingen kann, arbeiten aktuelle Forschungsprojekte daran, das Beton-Recycling noch weiter auszubauen.

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AUTOR
Jan Hell
BILD
sosiukin - stock.adobe.com
VERÖFFENTLICHT AM
21.03.2018
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