Der postfaktische Weihnachtsmann


Liebe Leserinnen und Leser,

nach einem aufregenden Jahr möchten wir Ihnen zum Abschluss eine kleine Weihnachtsgeschichte erzählen. Diese wird in jährlicher Tradition von einem ausgewählten Ibau-Mitarbeiter verfasst. Die diesjährige Geschichte stammt aus der Feder von Jan Hell.

Zum letzten Mal in dieser Saison zog sich Olaf sein rotes Gewand an und zupfte seinen künstlichen Bart zurecht. Auch wenn er diesen Tag gerne in seinem Heimatdorf bei seiner Familie verbracht hätte, liebte der Architekturstudent aus Meppen seinen Job. Seit er vor rund vier Jahren von zu Hause auszog und zum größten Teil selber für seinen Lebensunterhalt aufkommen musste, jobbte er zur Adventszeit als Weihnachtsmann. Er war inzwischen so bekannt, dass er für Einkaufzentren, Theater, Kinos und andere Freizeittempel gebucht wurde. Doch am meisten freute sich Olaf jedes Jahr auf Heiligabend. Denn dann wurde er zu familiären Weihnachtsfeiern eingeladen, um unter großen Kinderaugen Legos, Fahrräder, Puppen und kiloweise Süßes zu verteilen.

Nachdem Olaf sich also noch einmal der Richtigkeit seines Kostüms vergewisserte, klingelte er zum letzten Einsatz bei Familie Dabrowski. Mit großer Sehnsucht erwartet, wurde er sogleich ins Wohnzimmer gelotst und mit großer Ehrfurcht empfangen. Dort angekommen begann auch schon das übliche Programm: Die Kinder sagten gelernte Gedichte auf, die Erwachsenen machten zweideutige Bemerkungen und der musikalische Onkel spielte im Hintergrund Klavier um irgendwann zu einem gemeinsamen Lied anzustimmen. Die Stimmung war ausgelassen und ganz nach Olafs Geschmack. Er liebte es durch seine Arbeit andere Menschen zu verzaubern und einen schönen Tag bereiten zu können.

Leider traf Olaf bei seiner Arbeit aber nicht nur auf Weihnachtsenthusiasten wie er selbst einer war. Kleine zickige Kinder, die in einer verspäteten Trotzphase die Existenz des Weihnachtsmanns in Frage stellten, selbst wenn er direkt vor ihnen stand waren ja das eine, am schlimmsten waren jedoch die verbitterten alten Grießgräme, welche jegliche Phantasie anscheinend verloren hatten und mit ihrem ständigen „Alles-Kommerz-Gemecker“ sämtlichen Weihnachtsglanz verpuffen ließen. Warum Olaf diesen Menschen normalerweise aber meist ausgerechnet in Einkaufszentren begegnete war ihm jedoch ein Rätsel.

Auch bei Familie Dabrowski zeichneten sich nach nur kurzer Zeit die typischen Verhaltensmuster ab. Denn bereits nach 20 Minuten ließ das Familienoberhaupt, sehr zum Leidwesen der jungen Eltern, durch eindeutige Körpersprache durchblicken, wie verlogen und überflüssig der ganze Zirkus doch sei. „Der Weihnachtsmann ist doch bloß eine Werbeerfindung von Coca Cola!“, brach es ihm schließlich nach der Feier heraus. „Immer nur kaufen, kaufen, kaufen. Früher hatten wir nichts und mit Glück brachte das Christkind ein paar selbstgehäkelte Socken!“

Da war sie wieder, die Mär vom falschen Weihnachtsmann. „Dass das Weihnachtsfest immer mehr kommerziell ausgeschlachtet wird mag zwar sein“, entgegnete Olaf, „aber da kann der Weihnachtsmann doch nichts für!“ Opa Dabrowski runzelte die Stirn. „Ein Werbemaskottchen feiere ich nicht“, grummelte er in seinen echten Bart. Olaf seufzte und holte tief Luft. Die Antwort auf diese Skepsis hatte er schon so oft vorgebracht, dass sie schon auswendig konnte.

„Mal abgesehen davon, dass der Bescherungstag des Nikolausbrauches auf die Legenden um den realen Bischof Nikolaus von Myra aus dem vierten Jahrhundert zurückgehen, welcher erst durch die Reformation und die Ablehnung der Heiligenverehrung auf den 24. bzw. 25. Dezember verlegt wurde“, leierte Olaf seinen Text runter, „gelangte der Brauch durch europäische Auswanderer nach Amerika, noch bevor Coca Cola gegründet wurde. Deshalb lassen sich in Kunst und Literatur auch schon die typischen Darstellungen des Weihnachtsmannes finden, lange bevor es das Unternehmen gab.“

Verdutzt blickte der alte Dabrowski Olaf an. „Aber das Christkind…“, versuchte er anzusetzen. „…wie der russische Väterchen Frost oder der amerikanische Santa Claus nur eine Abwandlung des Sankt-Nikolaus-Brauchs“, kam ihm Olaf zuvor. „Nochmal: Dass Coca Cola den Weihnachtsmann in seiner jetzigen Form populärer gemacht hat, dafür kann der Weihnachtsmann doch nichts!“

Damit gab sich der alte Mann nicht zufrieden. „Junger Mann! Sie wollen mir doch jetzt nicht ernsthaft weismachen, den Weihnachtsmann gäbe es wirklich?“ fragte er verwundert. Olaf verdrehte die Augen. „Naja“, entgegnete er „wer nicht an den Weihnachtsmann glaubt, der glaubt auch nicht an Schneewittchen, obwohl ihre Geschichte doch eindeutig mit ‚es war einmal…‘ beginnt“. Dabrowski schwieg.

Für Olaf hatten Märchenfiguren und auch der Weihnachtsmann vor allem symbolischen Wert. Es ging ihm nicht um deren reale Existenz – es wäre auch ziemlich merkwürdig, sein letztes Hab und Gut für ein paar Bohnen auszugeben – sondern um die Moral von der Geschicht´. „Märchen werden ja auch nicht ihres pädagogischen Gehalts beraubt, nur weil sich Walt Disney mit ihnen bzw. dessen Verfilmungen eine goldene Nase verdiente“, schloss er sein Plädoyer.

„Trotzdem!“, grummelte Dabrowski.

Wir bedanken uns für die angenehme Zusammenarbeit und das entgegengebrachte Vertrauen. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie ein besinnliches Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Jahr 2017.

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AUTOR
Jan Hell
VERÖFFENTLICHT AM
19.12.2016
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