Mitte August warnte die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) vor einem drastischen Azubimangel – aber wie ernst ist diese Krise wirklich?

So hatte die IG Bau beklagt, dass bundesweit nur etwa die Hälfte aller Lehrstellen auf dem Bau besetzt seien. Als Beispiel für dieses ernste Problem führte sie die Situation in der Stadt Hamburg an: Dort seien im Juli noch 70 Prozent aller Ausbildungsplätze im Bauhauptgewerbe unbesetzt gewesen. Im Jahr zuvor lag die Zahl bei nur 42 Prozent. Matthias Maurer von der IG Bau Hamburg betont, dass es den Bauunternehmen daher dringend gelingen muss, Schulabgänger für die Arbeit in ihrem Betrieb anzuwerben, sonst gerate das Fundament der ganzen Branche ins Wanken. Vor diesem Hintergrund spricht sich die Gewerkschaft für attraktivere Arbeitsbedingungen auf Baustellen aus. Die Arbeitgeberseite revidiert diese Bedrohungen und kommt zu einer anderen Einschätzung. So wird die derzeitige Ausbildungsleistung hier, gerade vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, als stark bewertet. Nach Angaben des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB) liegen die von der Soka-Bau in den Monaten Januar bis einschließlich Juli erfassten Ausbildungsverträge im 1. Lehrjahr um 6,1 Prozent höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. So hätten 2019 noch 6180 junge Menschen einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen, 2020 seien es 6658.

Ausbildungsbereitschaft bei Baubetrieben weiterhin hoch

„Die Bauwirtschaft ist ein attraktiver Arbeitgeber, auch wenn die IG Bau derzeit versucht, die Branche schlecht zu reden“, erklärte ZDB-Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa. „Wir wissen, dass noch viele Ausbildungsplätze unbesetzt sind, wir wissen aber aus der Vergangenheit auch, dass zahlreiche Verträge erst im August oder September abgeschlossen werden. Mit einem Plus von 6 Prozent bei den neuen Lehrverträgen liegen wir aber jetzt schon deutlich über dem Vorjahreswert. Das ist auch das Ergebnis konsequenter Nachwuchsarbeit seitens der Verbände und der Betriebe.“ Und auch die Baubetriebe haben weiterhin eine hohe Ausbildungsbereitschaft, erklärte Thomas Möller, Geschäftsführer der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg. Hier rechne man im neuen Ausbildungsjahr mit einer ähnlich hohen Anzahl an neu abgeschlossen Lehrverträgen wie 2019. Im Gegensatz zur Gewerkschaft bewertet Möller die aktuelle Entwicklung auf dem Lehrlingsmarkt nicht als Alarmsignal. Er spricht von einer „Verunsicherungskampagne der IG Bau“: „Das eigentliche Problem ist nicht, dass unseren Betrieben die Azubis ausgehen, sondern dass den Gewerkschaften anscheinend die Mitglieder weglaufen. Jetzt versucht man offenbar, sich mit abstrusen Vorwürfen für die bevorstehende Bau-Schlichtungsrunde zu munitionieren. Diese negative Darstellung der Bauberufe und der Arbeitsbedingungen auf dem Bau ist ein ganz durchsichtiges Manöver und schadet der gesamten Branche.“