Heute, liebe Leserinnen und Leser, möchten wir Ihnen zur Feier des Tages eine kleine Geschichte erzählen.

Neulich klingelte mein Handy. Am anderen Ende eine sonore Stimme, die mich jovial mit Vornamen begrüßte und behauptete, mein Neffe Tobi zu sein. Nach einer Weile Smalltalk bat der Anrufer mich um eine kleine Finanzspritze, er wolle demnächst seinen Führerschein machen.

Stille in der Leitung. Einen Moment lang hörte ich in meinem geistigen Ohr alle Uhren dieser Welt ticken. Ganz kurz geisterte das Wort „Enkeltrick“ durch meinen Kopf. Hatte man die Masche inzwischen schon auf Neffen und Nichten ausgeweitet? Dann fiel der Groschen: der kleine Tobias! Aber wieso Führerschein? Hatte ich dem Burschen nicht kürzlich erst die Stützräder von seinem Kinderfahrrad abgeschraubt? Und hatte der dabei nicht zum Dank seine Triefnase an meinem Hosenbein abgewischt? Wieso sprach der neuerdings mit der Stimme von Bruce Willis, und was in aller Welt wollte der Knirps mit einem Führerschein?

Mit der Zeit ist das so eine Sache. Die Zeit rast, höre ich oft sagen. Selten sind es junge Menschen, die das behaupten. Meistens kommt der Satz aus dem Mund von Menschen wie mir, die – um es mal wohlwollend zu formulieren – den Zenit ihrer Jugend schon um einige Fußbreit überschritten haben. Aber ist das wirklich so? Rast die Zeit tatsächlich oder sind es nicht vielmehr wir, die rasen? Je älter man wird, umso mehr verstärkt sich offenbar das Gefühl, dass die Jahre schneller vergehen. Alles, so kommt es einem vor, geschieht wie im Zeitraffer. Kaum hat man den letzten Schokohasen geschlachtet, riecht es in den Fußgängerzonen schon wieder nach Glühwein. Alle Jahre wieder. Und garantiert kommt auch dieses Jahr Weihnachten wieder ganz plötzlich.

Dazu kommt, dass wir in einer Zeit leben, in der Leistung scheinbar ausschließlich an Effektivität gemessen wird. Jeder will ja heutzutage alles just in time und auf einmal erledigen und dabei auch noch entspannt aussehen. Die Welt ist digitalisiert und vernetzt, und auf diesem globalen Dorfplatz möchte jeder auf allen Hochzeiten tanzen und dabei auch noch die Musik bestimmen. So häuft man Information auf Information, Ereignis auf Ereignis und verwechselt am Ende Effektivität mit Aktionismus. Man wird zum Getriebenen, und aus lauter Angst etwas zu verpassen, vergisst man, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, sich Pausen zu gönnen, Atem zu holen und die Zeit einfach mal Zeit sein zu lassen.

Ab und zu ist es nämlich auch erlaubt, gar nichts zu tun. Einfach mal ins Grüne gucken, den Bäumen beim Rauschen zuhören, einfach nur dasitzen und der Zeit beim Vergehen zusehen. Einfach mal den Zeitraffer gegen die Superzeitlupe tauschen. Dann wird man für Momente selbst zu einem Zeitraffer der anderen Art: Man sammelt Augenblicke der Stille und dadurch neue Kraft für den ganz normalen Wahnsinn des Alltags.

Der kleine große Tobi soll übrigens seine Finanzspritze bekommen. Leider habe ich bei unserem Telefonat vergessen, ihn nach seiner Kontonummer zu fragen, dann könnte ich rasch eine Online-Überweisung veranlassen. Aber wissen sie was? Ich werde ihn einfach mal wieder besuchen und ihm einen Umschlag mit ein paar Scheinen überreichen. Persönlich und ganz analog.

Wir danken Ihnen für das entgegengebrachte Vertrauen und wünschen Ihnen ein schönes Weihnachtsfest und ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2020.