Eigentlich wollte die Bundesregierung längst ein E-Government eingerichtet haben, bisher wurde daraus allerdings noch nichts. Die Handwerkskammern wollen jetzt helfen.

Nicht umsonst ist Deutschland für den hohen Grad an Bürokratie bekannt: Gerade mittlere und kleine Unternehmen leiden unter den verpflichtenden Verwaltungsaufgaben und den Bergen an Papierkram. So hat ein einzelner Betrieb etwa 100 bis 150 Behördenkontakte im Jahr. Mit einem so genannten E-Government-System, also einer elektronischen Verwaltung von Formalitäten und Papierkram, wollte die Bundesregierung die Handwerksbetriebe längst entlasten. Doch wie in vielen anderen Digitalisierungsthemen hinkt Deutschland hiermit hinterher. Ein Bericht der EU-Kommission zeigt nämlich: Nur 43 Prozent der Deutschen nutzen bereits eine Form des E-Governments. Damit liegt Deutschland im EU-Ländervergleich auf Platz 26 von 28. Doch das möchte die Bundesregierung rasch ändern. Bis 2022 sollen alle Verwaltungsdienstleistungen von Bürgern und Unternehmen digital abgerufen werden können. Viele Vertreter des deutschen Handwerks sind allerdings sehr skeptisch, ob dieses Ziel so schnell erreicht wird: „Der Zeitplan der Bundesregierung ist sehr ambitioniert“, meint Robert Härtel, Referatsleiter E-Government beim Zentralverband des Deutschen Handwerks, gegenüber der Deutschen Handwerk Zeitung. Besonders wichtig sei aus seiner Sicht die deutliche Reduzierung des Kostenaufwands für Bürger und Unternehmen bei der Nutzung von Verwaltungsleistungen. „Wenn Leistungen digitalisiert sind, aber mehr Aufwand für Unternehmen und Verwaltung, beispielsweise durch Medienbrüche oder aufwändigere Erfassung von Daten, entsteht, geht die Digitalisierung an den gesetzten Zielvorgaben eindeutig vorbei.“

Handwerkskammern packen selbst mit an

Nicht darauf ankommen lassen, wann die Bundesregierung ihr Projekt des E-Governments endlich durchsetzen – das ist der Plan der Handwerkskammern. Sie kümmern sich schon jetzt mit vereinter Erfahrung darum, eine eigene komfortable Digitalverwaltung anzubieten. Die E-Government-Strategie der Handwerkskammer Region Stuttgart ist ein gutes Beispiel dafür: „Wir nehmen das Thema sehr ernst und sehen es als kollektive Verpflichtung an, alle Geschäftsbereiche zu digitalisieren“, sagt Hauptgeschäftsführer Bernd-Micheal Hümer der Deutschen Handwerks Zeitung. Bereits seit dem Frühjahr 2018 ist hier die Stabstelle E-Government eingerichtet. Insgesamt sieht sich die Handwerkskammer auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel. „Wir wollen bereits bis Ende des Jahres einen großen Schritt weiter sein und das Kundenportal bis 2020/21 deutlich ausbauen“, sagt der für das Kundenportal zuständige Mitarbeiter Lars-Christian Daniels. Geplant sind unter anderem auch digitale Bezahlverfahren.

Weitere Vorreiter in dem Gebiet sind auch die Handwerkskammer München und Oberbayern. Bis Ende 2022 sollen hier alle Leistungen online angeboten werden. „Mehr als drei Viertel unserer Betriebe nutzen bereits unseren Lehrvertrag online“, sagt Thomas Graßl, stellvertetender Abteilungsleiter IT- und Onlineanwendungen. Der stellvertretende Abteilungsleiter für IT- und Onlineanwendungen, Thomas Graßl, versichert allerdings, dass auch die klassischen Kontaktmöglichkeiten per Post, Telefon und im direkten Gespräch erhalten bleiben werden. Das dürfte auch bei den anderen Handwerkskammern so bleiben.